Wirksam und günstig: Warum die Physiotherapie Teil der Lösung ist - nicht des Problems
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Aktualisiert: vor 4 Tagen
Gesundheitskosten und steigende Prämien sind laut UBS Sorgenbarometer 2025 die grösste Sorge der Schweizer Bevölkerung. Das ist bemerkenswert – denn ausgerechnet dort, wo sich sparen liesse, wird gerade gekürzt: bei einer der günstigsten und zugleich wirksamsten Behandlungsformen, der Physiotherapie.

Die Wirksamkeit ist belegt – auf höchstem Evidenzniveau
Physiotherapie behandelt Ursachen, nicht nur Symptome. Das ist kein Werbeversprechen, sondern durch hochrangige Studien abgesichert.
Knie.
Bei arthroskopischen Eingriffen am arthrotischen Knie zeigt die Evidenz übereinstimmend keinen Zusatznutzen gegenüber konservativer Behandlung. Eine placebo-kontrollierte Studie mit Schein-Operation fand keinen Vorteil der Arthroskopie (Moseley et al. 2002). Eine randomisierte Studie bestätigte, dass die arthroskopische Chirurgie gegenüber optimierter physiotherapeutischer und medikamentöser Behandlung keinen zusätzlichen Nutzen bringt (Kirkley et al. 2008). Auch beim degenerativen Meniskusriss war die arthroskopische Teilmeniskektomie einer Schein-Operation nicht überlegen (Sihvonen et al. 2013), und beim Meniskusriss mit Arthrose schnitt die Operation gegenüber Physiotherapie nicht besser ab (Katz et al. 2013). Eine aktuelle Studie bestätigt diese Linie (Katz et al. 2025).
Wichtig zur Einordnung: Das betrifft arthroskopische Eingriffe, nicht den endprothetischen Gelenkersatz bei fortgeschrittener Arthrose, der seinen Platz hat.
Rücken.
Die massgebliche Lancet-Serie zu Rückenschmerzen empfiehlt eine aktive, konservative Erstlinienversorgung und rät von Routine-Bildgebung und vorschneller Chirurgie ab (Foster et al. 2018; Hartvigsen et al. 2018). Eine frühe, leitliniengerechte physiotherapeutische Versorgung war mit deutlich geringerer Inanspruchnahme von Bildgebung, Injektionen, Operationen und Opioiden verbunden – und mit rund 60 Prozent tieferen rückenschmerzbezogenen Gesamtkosten (Childs et al. 2015). Frühe Physiotherapie war zudem mit rund 10 Prozent geringerer späterer Opioidnutzung assoziiert (Sun et al. 2018).

Und das zu einem Bruchteil der Kosten
Physiotherapie kostet einen Bruchteil vergleichbarer ärztlicher Massnahmen. Die Studie von Childs et al. (2015) beziffert diesen Effekt konkret: rund 60 Prozent tiefere Gesamtkosten, wenn früh und leitliniengerecht behandelt wird. Weniger Folgebehandlungen, weniger Bildgebung, weniger Eingriffe – das ist gelebte Kostendämpfung.
Die eigentliche Rechnung: 12 gegen 1000
In der Tarifdebatte wird die Physiotherapie-Position 7311 mitunter als grosser Kostentreiber dargestellt. Rechnet man das Extremszenario durch - die Hälfte aller Therapeuten kürzt die Takte und behandelt 1,5-mal so viele Sitzungen - liegt der Effekt bei rund CHF 110 Millionen pro Jahr. Auf 9 Millionen Versicherte sind das etwa 12 Franken pro Kopf und Jahr.
Dem stehen die geschätzten 8,4 Milliarden Franken an vermeidbaren, teils riskanten medizinischen Eingriffen gegenüber; d.h. rund CHF 1'000 pro Kopf und Jahr (Signorell 2026; SRF 2025; Trageser & von Stokar 2024).
12 gegen 1000. Wir diskutieren über den Rundungsfehler und übersehen die eigentliche Rechnung.
Warum die Untertarifierung am Ende teuer wird
Wenn eine Untertarifierung Praxen zur Schliessung zwingt, verschwindet genau diese günstige, präventive Versorgung. Die wohnortnahe Betreuung leidet, und Patientinnen und Patienten weichen zwangsläufig auf teurere Alternativen aus: Operationen, Medikamente, stationäre Behandlungen. Bezahlt wird das über die Prämien – jene Kosten, die die Bevölkerung ohnehin am meisten sorgen.
Fazit
Eine faire Physiotarifierung ist keine Kostentreiberin. Sie ist eines der wirksamsten Instrumente der Kostendämpfung, das unser Gesundheitswesen hat. Damit sie wirkt, müssen beide Hebel stimmen: eine sachgerechte Tarifstruktur und ein angemessener Taxpunktwert.
Nachweise
Knie
Moseley JB, et al. (2002). A Controlled Trial of Arthroscopic Surgery for Osteoarthritis of the Knee. New England Journal of Medicine 347:81–88.
Kirkley A, et al. (2008). A Randomized Trial of Arthroscopic Surgery for Osteoarthritis of the Knee. New England Journal of Medicine 359:1097–1107.
Sihvonen R, et al. (2013). Arthroscopic Partial Meniscectomy versus Sham Surgery for a Degenerative Meniscal Tear (FIDELITY). New England Journal of Medicine 369:2515–2524.
Katz JN, et al. (2013). Surgery versus Physical Therapy for a Meniscal Tear and Osteoarthritis (METEOR). New England Journal of Medicine 368:1675–1684.
Katz JN, et al. (2025). A Randomized Trial of Physical Therapy for Meniscal Tear and Knee Pain. New England Journal of Medicine (online, 30.10.2025).
Rücken
Foster NE, et al. (2018). Prevention and treatment of low back pain: evidence, challenges, and promising directions (Lancet Low Back Pain Series). The Lancet 391(10137):2368–2383.
Hartvigsen J, et al. (2018). What low back pain is and why we need to pay attention (Lancet Low Back Pain Series). The Lancet 391(10137):2356–2367.
Childs JD, et al. (2015). Implications of early and guideline adherent physical therapy for low back pain on utilization and costs. BMC Health Services Research 15:150.
Sun E, et al. (2018). Association of Early Physical Therapy With Long-term Opioid Use Among Opioid-Naive Patients With Musculoskeletal Pain. JAMA Network Open 1(8):e185909.
Kosten & System
Signorell G. (2026). Wie wir jedes Jahr 1000 Franken sparen könnten – ohne Leistungseinbusse. Beobachter, 23.03.2026.
SRF (2025). Rund ein Drittel gewisser medizinischer Eingriffe ist unnötig. Heute Morgen, 31.01.2025.
Trageser J, von Stokar T. (2024). Sparpotenzial in Milliardenhöhe. CSS im Dialog, 17.06.2024.
UBS (2025). UBS Sorgenbarometer 2025.
Hinweis: Die zitierte Knie-Evidenz bezieht sich auf arthroskopische Eingriffe (Débridement, Lavage, Teilmeniskektomie), nicht auf den endprothetischen Gelenkersatz bei fortgeschrittener Arthrose.

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