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Wir gründen keine Organisation gegen jemanden. Wir unterstützen die Entstehung einer neuen Organisation für etwas:

  • vor 4 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Für eine evidenzbasierte, innovative, qualitativ hochwertige und wirtschaftlich nachhaltige Physiotherapie.


Dr. Lucio Carlucci

In diesem persönlichen Beitrag erläutert swissODP-Verwaltungsratspräsident Dr. Lucio Carlucci, weshalb dieser Schritt aus seiner Sicht notwendig geworden ist.


Er blickt auf die bisherigen Bemühungen um Zusammenarbeit zurück, ordnet die Diskussion rund um die Tarifentwicklung ein und beschreibt, wie unterschiedliche Perspektiven die Physiotherapie nicht schwächen, sondern langfristig stärken können.

Ich werde immer wieder gefragt, weshalb wir als swissODP den Aufbau einer neuen Interessenvertretung der Physiotherapieanbieter unterstützen.

Meine Antwort darauf ist heute klarer denn je.

 

Ich hätte mir gewünscht, dass dieser Schritt nie notwendig geworden wäre. 


Über Jahre haben wir versucht, unsere Erfahrungen und unser Wissen in die bestehenden Strukturen einzubringen. Wir haben Daten erhoben, Analysen erstellt, Gespräche geführt und konkrete Vorschläge erarbeitet. Unser Ziel war dabei nie die Konfrontation. Unser Ziel war immer die gemeinsame Weiterentwicklung der Physiotherapie in der Schweiz.

 

Bereits im Jahr 2024 haben wir in zahlreichen Gesprächen mit der Führung von Physioswiss vorgeschlagen, swissODP als offizielle Interessengemeinschaft der Physiotherapieanbieter anzuerkennen – sei dies als assoziierte Organisation, als Plattform oder in einer anderen geeigneten Form innerhalb der bestehenden Verbandslandschaft.

 

Wir wollten keine Konkurrenz schaffen.

Wir wollten Verantwortung übernehmen.

 

Wir wollten unsere Erfahrungen aus dem Praxisalltag, aus der Unternehmensführung, aus der Qualitätsentwicklung und aus der Tarifpolitik dort einbringen, wo über die Zukunft unseres Berufsstandes entschieden wird.

 

Dieses Angebot wurde von Präsidentin, CEO und Zentralvorstand von Physioswiss wiederholt abgelehnt.

 

Das bedaure ich bis heute.

Nicht aus persönlicher Enttäuschung.

Sondern weil ich überzeugt bin, dass dadurch wertvolles Wissen ungenutzt blieb.

 


Der Tarif war nicht der Auslöser – sondern die Bestätigung

 

Die Diskussion um die neue KVG-Tarifstruktur hat dies aus meiner Sicht eindrücklich aufgezeigt.

 

Viele wirtschaftliche Auswirkungen, welche heute zahlreiche Physiotherapieunternehmungen beschäftigen, haben wir bereits früh erkannt und angesprochen. Wir haben wiederholt darauf hingewiesen, dass moderne, arbeitsteilige Physiotherapieorganisationen im Kostenmodell unzureichend abgebildet sind. Wir haben darauf aufmerksam gemacht, dass Investitionen in Qualität, Infrastruktur, Digitalisierung, Personalentwicklung, Weiterbildung und Spezialisierung innerhalb der tarifarischen Berechnungen zu wenig berücksichtigt werden. Wir haben aufgezeigt, dass dadurch manche versorgungsrelevante Physiotherapie-Organisationsformen durch die geplante KVG-Tarifreform schlechter abschneiden werden.

 

Unsere Kritik richtete sich nie gegen die Einführung einer neuen Tarifstruktur.

Sie sollte helfen, sie besser zu machen.

 

Heute stellen zahlreiche Praxen genau jene Fragen, die wir bereits vor Monaten gestellt haben.

 

Dabei geht es längst nicht mehr nur um einzelne Tarifpositionen oder um Prozente in einem Kalkulator.

 

Es geht um eine grundsätzliche Frage:

Sind alle relevanten Perspektiven in den gesundheitspolitischen und tarifpolitischen Entscheidungsprozessen ausreichend vertreten?

Die ehrliche Antwort lautet: Nein.

 


Unterschiedliche Verantwortung braucht unterschiedliche Perspektiven

 

Die Physiotherapie ist heute zu vielfältig geworden, als dass eine einzige Organisation sämtliche Interessen mit der notwendigen Tiefe vertreten könnte.

Einzelpraxen, grössere Physiotherapieunternehmen, Gesundheitszentren, spezialisierte Anbieter, ambulante Rehabilitation oder universitäre Versorgung – sie alle leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur Gesundheitsversorgung. Sie tragen unterschiedliche Verantwortungen und bringen unterschiedliche Erfahrungen mit.

 

Wer Mitarbeitende beschäftigt, Ausbildungsplätze schafft, in Innovation investiert, Qualitätsmanagement betreibt und Verantwortung für die Versorgung einer ganzen Region übernimmt, hat zwangsläufig ein andere berufliche Realität und Perspektive als jemand, der ausschliesslich für seine eigene Berufsausübung verantwortlich ist.

 

Beide Sichtweisen sind legitim. Keine ist wichtiger als die andere.

Aber keine darf fehlen.

 

Eine starke Profession braucht nicht nur eine starke Einzelpraxisperspektive. Sie braucht ebenso eine starke Perspektive der Physiotherapieunternehmen und deren Arbeitnehmerinnen. Erst wenn beide ihre Verantwortung wahrnehmen und miteinander statt übereinander sprechen, entstehen Lösungen, die Patientinnen und Patienten, Mitarbeitenden und der gesamten Versorgung langfristig dienen.

 


Geschlossenheit bedeutet nicht Gleichförmigkeit

 

In den vergangenen Jahren wurde immer wieder argumentiert, die Physiotherapie müsse geschlossen auftreten. Man dürfe sich nicht aufteilen, weil dies die Position gegenüber Politik und Versicherern schwäche.

 

Ich teile den Wunsch nach Geschlossenheit ausdrücklich.

 

Ich teile jedoch nicht die Auffassung, dass Geschlossenheit bedeutet, unterschiedliche Perspektiven möglichst unsichtbar zu machen.

Zu oft hatte ich den Eindruck, dass der berechtigte Wunsch nach Einigkeit dazu führte, kritische Stimmen innerhalb der eigenen Reihen zurückhaltend werden zu lassen. Wer berechtigte Fragen stellte, musste sich nicht selten anhören, dass solche Diskussionen der Branche schaden würden.

 

Ich halte diese Sichtweise für problematisch.

 

Nicht Kritik schwächt eine Profession.

 

Nicht unterschiedliche Organisationen schwächen eine Profession.

 

Eine Profession wird dann geschwächt, wenn relevante Perspektiven dauerhaft keinen institutionellen Platz finden und notwendige Diskussionen deshalb unterbleiben.

 

Gerade weil mir die Physiotherapie am Herzen liegt, bin ich überzeugt, dass wir den Mut haben müssen, unterschiedliche Sichtweisen zuzulassen.


Vielfalt ist keine Gefahr. Vielfalt ist die Voraussetzung für gute Entscheidungen.

Genau deshalb sehe ich die Entstehung einer zusätzlichen Interessenvertretung nicht als Spaltung der Branche.

 

Ich sehe sie als Ergänzung.

 

Ich sehe sie als eine Chance für Physioswiss.

 

In vielen anderen Bereichen unseres Gesundheitswesens arbeiten Berufsverbände, Fachgesellschaften, Anbieterorganisationen und wissenschaftliche Gesellschaften erfolgreich nebeneinander.

 

Sie vertreten unterschiedliche Schwerpunkte, übernehmen unterschiedliche Aufgaben und stärken dadurch gemeinsam ihre Profession.

 

Warum sollte dies ausgerechnet in der Physiotherapie nicht möglich sein?

Deshalb richte ich heute auch eine Botschaft an Physioswiss.

Ich hoffe sehr, dass Physioswiss diesen Weg nicht als Bedrohung versteht.

 

Im Gegenteil.

 

Hier besteht die Chance, zu zeigen, dass das oft formulierte Bekenntnis zur gemeinsamen Stärke unserer Profession ernst gemeint ist.


Gemeinsame Stärke bedeutet nicht, dass es nur eine Stimme geben darf.

Gemeinsame Stärke bedeutet, unterschiedliche legitime Stimmen anzuerkennen und dort zusammenzuarbeiten, wo gemeinsame Ziele bestehen.

 

Niemand gewinnt, wenn Organisationen versuchen, sich gegenseitig kleinzuhalten.

 

Die gesamte Branche gewinnt, wenn unterschiedliche Kompetenzen an einem Tisch zusammenkommen.

 

Deshalb wünsche ich mir, dass Physioswiss neue Organisationen nicht marginalisiert, sondern als legitime Partner anerkennt.

 

Nicht weil wir immer derselben Meinung sein werden. Sondern weil wir dieselbe Verantwortung tragen.

 


Unser gemeinsames Ziel

 

Unsere Verantwortung gilt nicht unseren Organisationen.

 

Sie gilt unseren Patientinnen und Patienten.

Sie gilt unseren Mitarbeitenden.

Sie gilt einer qualitativ hochwertigen, evidenzbasierten, innovativen und wirtschaftlich nachhaltigen Physiotherapie.

 

Genau dafür setzen wir uns bei swissODP ein.

 

Und genau deshalb unterstützen wir heute den nächsten Schritt.

 

Nicht aus Opposition.

Nicht aus Enttäuschung.

Nicht, um jemanden zu ersetzen.

 

Sondern weil wir überzeugt sind, dass unsere Profession stärker wird, wenn unterschiedliche Perspektiven gehört, respektiert und konstruktiv miteinander verbunden werden.

 

Ich wünsche mir eine Physiotherapie, die den Mut hat, unterschiedliche Sichtweisen nicht als Bedrohung, sondern als Stärke zu verstehen.

 

Eine Physiotherapie, in der Qualität, Evidenz, Innovation und wirtschaftliche Verantwortung gleichermassen ihren Platz haben.

 

Eine Physiotherapie, in der Zusammenarbeit wichtiger ist als Besitzstandswahrung. 


Wenn uns das gelingt, gewinnt am Ende nicht eine Organisation. Dann gewinnt die gesamte Physiotherapie.

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