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Wer ist wer in der Tarifdebatte?

  • vor 2 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit
Wer ist Wer

Physioswiss, swissODP, faire-physio-tarife.ch, #Physio140 und PROphysio – eine Einordnung


Seit die neue KVG-Tarifstruktur für die Physiotherapie am 2. April 2026 beim Bundesrat eingereicht wurde, kursieren in Medien, Newslettern und Social-Media-Feeds eine ganze Reihe von Namen. Physioswiss, swissODP, faire-physio-tarife.ch, #Physio140 – und seit dem 07.07.2026 neu auch PROphysio. Sie werden oft in einem Atemzug genannt, gelegentlich verwechselt und nicht selten für dasselbe gehalten.


Das sind sie nicht. Wer die aktuelle Debatte verstehen will, muss zuerst wissen, wer oder was hinter jedem dieser Namen steht, wofür er steht – und was ihn von den anderen unterscheidet.


Vorweg eine Klarstellung in eigener Sache: Es geht in dieser Debatte nicht darum, gegen jemanden anzutreten. Es geht darum, die Physiotherapie, um zusätzliche Stimmen und Perspektiven zu ergänzen. Diese Einordnung ist entsprechend beschreibend gemeint, nicht als Abrechnung.



Zuerst die wichtigste Unterscheidung:

Es sind nicht alles «Verbände»


Die fünf Namen gehören zu drei verschiedenen Kategorien:

  • Organisationen mit Mitgliedern: Physioswiss und - neu - PROphysio sind Berufsverbände. swissODP ist eine Unternehmens-Allianz in Form einer Aktiengesellschaft.

  • Ein Trägerverein: faire-physio-tarife.ch ist ein Verein, der eine Kampagne trägt.

  • Eine Botschaft: #Physio140 ist keine Organisation, sondern eine Kampagne mit einer Forderung; ein Kürzel für ein konkretes tarifpolitisches Ziel.


Wer diese drei Ebenen auseinanderhält (Organisation, Trägerverein, Botschaft), versteht die Debatte bereits zur Hälfte.



Physioswiss

Der Berufsverband

physioswiss

Physioswiss, der Schweizer Physiotherapie Verband, ist mit rund 13'000 Mitgliedern die grösste und älteste Berufsvertretung der Branche. Gegründet 1919, mit Geschäftsstelle in Bern und 16 angeschlossenen Kantonal- und Regionalverbänden, vertritt Physioswiss selbstständige, angestellte, angehende und nicht mehr aktive Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten sowie auch Organisationen der Physiotherapie.


Wofür steht Physioswiss? Als Berufsverband für die gesamte Breite der Profession: Aus- und Weiterbildung, Qualität, Berufspolitik und die Tarifpolitik. Physioswiss ist einer von drei Tarifpartnern, die die neue KVG-Tarifstruktur verhandelt und eingereicht haben; die beiden anderen sind H+ (die Spitäler) und prio.swiss (die Krankenversicherer). In der aktuellen Auseinandersetzung will Physioswiss die Einkommenssituation über höhere Taxpunktwerte in den Kantonen verbessern, und hat dazu in allen 26 Kantonen Petitionen lanciert. Anfang Juli 2026 hat der Verband zudem eine «IG Grosspraxen» ins Leben gerufen, um die Anliegen grösserer Betriebe innerhalb des Verbands stärker zu berücksichtigen. Diese IG Grosspraxen ist Teil des Verbands und entsprechend der Strategie von Physioswiss verpflichtet, sie agiert nicht unabhängig.



swissODP AG

Die Allianz führender Physiotherapieunternehmen


swissODP wurde 2023 bewusst als Aktiengesellschaft gegründet, und ist eine Allianz arbeitgebender Physiotherapiepraxen.

Arbeitgebende Praxen sind rechtlich als Organisationen der Physiotherapie (OdPs) deklariert; als Kategorie verantworten sie rund 45 % der physiotherapeutischen Behandlungen in der Schweiz.

swissODP

 

Die swissODP AG vertritt aktuell 92 Mitgliedsunternehmen mit insgesamt über 170 Standorten. Jedes Migliedsunternehmen ist gleichzeitig Aktionärin von swissODP.


Wofür steht swissODP? Für die unternehmerische Seite der Physiotherapie; für jene Betriebe, die die rechtliche Verantwortung für ihre angestellten Physios, für Zulassung, Dokumentation, Abrechnung und Qualität tragen und zugleich in Infrastruktur, Digitalisierung und Weiterbildung investieren. swissODP bietet seinen Partnern konkrete Leistungen (Beratung, rechtliche Unterstützung, Einkaufskonditionen, unternehmerische Werkzeuge, Tarifkalkulator, Events und mit PhysioCert das einzige zertifizierbare Qualitätslabel der Schweizer Physiotherapie) und setzt sich für tragfähige finanzielle Rahmenbedingungen ein. In der Tarifdebatte lautet die Kernaussage: Höhere Taxpunktwerte allein genügen nicht. Die Tarifstruktur selbst muss so ausgestaltet sein, dass moderne, arbeitgebende Betriebe wirtschaftlich tragfähig bleiben. Die zu erwartenden Einnahmeverluste durch die neue Tarifstruktur sind nicht akzeptierbar. swissODP ist kein Berufsverband und tritt nicht als Tarifpartner auf; swissODP ist eine Unternehmens-Allianz, die diese Perspektive einbringt.



Der Verein hinter der Kampagne


Faire Physio Tarife

faire-physio-tarife.ch ist ein Verein aus Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten, Praxisbetreibern und Unternehmen aus der Schweizer Physiotherapiebranche. Er ist der Träger der Kampagne, die unter dem Namen #Physio140 auftritt, und stellt deren Infrastruktur bereit: Webseite, Grafik, Kommunikation, rechtliche Grundlagen.


Wofür steht der Verein? Für Mobilisierung. Schon vor drei Jahren stand dieselbe Bewegung hinter einer Grosspetition, die in einer Demonstration auf dem Bundesplatz und der Übergabe von 283'000 Unterschriften mündete. Aktuell trägt der Verein die Petition «Versorgung darf nicht am Tarif scheitern».

Und aus genau diesem Verein ist Anfang Juli der neue Verband PROphysio hervorgegangen.



#Physio140

Die Botschaft und die Forderung


#Physio140 ist keine Organisation, sondern eine Zahl mit einer klaren Aussage. Die Kampagne fordert einen Tarif, der pro Physiotherapeutin oder Physiotherapeut einen Bruttoumsatz von CHF 140.– pro Stunde ermöglicht.


Wofür steht die Zahl? Ausdrücklich nicht für einen Stundenlohn, sondern für Vollkostendeckung - die Untergrenze, ab der eine ambulante Praxis überhaupt wirtschaftlich tragfähig ist. Die Forderung stützt sich auf ein simples Missverhältnis: Seit Inkrafttreten der heutigen Tarifstruktur sind Mieten, Administration, Geräte und Weiterbildung im Schnitt um über 40% teurer geworden, während die Tarife um lediglich rund 8,5 % angehoben wurden. Zum Vergleich: Für eine Stunde Einzelbehandlung im KVG-Bereich generiert eine Praxis ab 2027 einen Bruttoumsatz von rund CHF 88.– (bei einem Taxpunktwert von CHF 1.00).

#PHYSIO140

Die Lücke zwischen diesen 88 Franken und den geforderten 140 Franken ist der Kern der Botschaft.



PROphysio

Der Verband der PhysiotherapeutInnen


PROphysio

PROphysio wurde am 6. Juli 2026 gegründet und am Folgetag öffentlich aus der Taufe gehoben. PROphysio ist der jüngste Akteur im Feld: ein neuer Branchenverband, der aus dem Verein faire-physio-tarife.ch hervorgegangen ist.

Zu den Initianten gehören Exponentinnen und Exponenten von «Faire Physio-Tarife». Auch ein Verwaltungsratsmitglied von swissODP hat im PROphysio-Vorstand Einsitz.


Wofür steht PROphysio? Für eine eigenständige gesundheitspolitische Vertretung einer modernen, evidenzbasierten und wirkungsorientierten Physiotherapie. Ausgelöst wurde die Gründung durch das Verhandlungsergebnis zur neuen Tarifstruktur. Der Verband will die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen aktiv mitgestalten und strebt an, künftig neben Physioswiss am Verhandlungstisch mitzuwirken. PROphysio versteht sich dabei als Ergänzung - als zusätzliche Stimme in einer Debatte, in der unterschiedliche Praxisformen auch unterschiedliche Interessen haben.



Was unterscheidet sie? Die Übersicht


Name

Was es ist

Wofür es steht

Rolle in der Tarifdebatte

Physioswiss

Berufsverband (seit 1919, ~13'000 Mitglieder)

Die gesamte Profession

Tarifpartner; setzt auf höhere Taxpunktwerte

swissODP

Unternehmens-Allianz (AG, seit 2023)

Arbeitgebende Praxen / OdPs

Kein Tarifpartner; fordert Nachbesserung der Struktur

faire-physio-tarife.ch

Verein

Trägerschaft und Mobilisierung

Trägt Kampagne #Physio140 und Petition

#Physio140

Botschaft / Forderung

CHF 140.– Bruttoumsatz = Vollkostendeckung

Das inhaltliche Ziel der Kampagne

PROphysio

Neuer Berufsverband (seit 7. Juli 2026)

Moderne, unternehmerische Physiotherapie

Will zusätzlicher Tarifpartner werden, möchte eingereichte Tarifstruktur stoppen


Zwei Achsen helfen, das Feld zu ordnen.


Die erste ist der Typ: Physioswiss und PROphysio sind Berufsverbände mit Mitgliedern, swissODP ist eine Unternehmens-Allianz, faire-physio-tarife.ch ein Trägerverein und #Physio140 eine Botschaft. Nur zwei dieser fünf wollen Tarifpartner sein bzw. werden.


Die zweite ist die Position in der Sache. Hier verläuft die eigentliche Trennlinie nicht zwischen «für» und «gegen» eine Reform, sondern in der Frage, an welcher Stellschraube man ansetzt. Physioswiss will die Einkommen über höhere Taxpunktwerte in den Kantonen verbessern und betrachtet die Struktur als Modernisierung. swissODP, faire-physio-tarife.ch und nun PROphysio teilen die Diagnose, dass die Physiotherapie unterfinanziert ist, ziehen daraus aber den Schluss, dass der Taxpunktwert allein das Problem nicht löst und die Tarifstruktur selbst nachgebessert werden muss, damit sie moderne, investitionsintensive Betriebe angemessen abbildet.



Wie das alles zusammenhängt


Der rote Faden ist rasch erzählt.


swissODP hat die Initiative #Physio140 inklusive der Petition von «Faire Physio-Tarife» unterstützt.


Mit PROphysio ist nun in der Konsequenz eine neue formelle berufspolitische Vertretung entstanden.


Die swissODP AG ist die Allianz der Physiotherapie-Unternehmen und fokussiert auf ihr Leistungs- und Beratungsangebot.


Physioswiss bleibt Berufsverband und Tarifpartner. Neu daneben steht PROphysio als Verband, der verstärkt auch die unternehmerische Perspektive gesundheitspolitisch vertreten will.


swissODP vertritt die Ansicht, dass diese Vielfalt nicht als Grabenkampf missverstanden werden sollte. Verschiedene Praxisformen haben verschiedene Interessen und eine starke Physiotherapie verträgt mehr als eine Stimme. Worin sich alle einig sind, ist das Ziel: wirtschaftlich tragfähige Praxen, damit Patientinnen und Patienten auch morgen wohnortsnah und rasch Zugang zu qualitativ hochwertiger Therapie haben.


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