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Neue Tarifstruktur KVG: quo vadis?

  • 9. Apr.
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 10. Apr.

Die neue Tarifstruktur für die Physiotherapie wurde beim Bundesrat eingereicht.

Ein wichtiger Schritt – allerdings einer, der aktuell mehr Fragen aufwirft als Antworten liefert.



Fehlende Transparenz zum entscheidenden Zeitpunkt


Zum jetzigen Zeitpunkt sind die konkreten Inhalte der Tarifstruktur nicht öffentlich. Bekannt ist lediglich, dass eine detaillierte Kommunikation erst erfolgen soll, wenn auch die entsprechenden Handbücher finalisiert sind.

Das ist nachvollziehbar – führt aber gleichzeitig zu einer herausfordernden Situation für die Branche: Ein grundlegender Systemwechsel steht im Raum, ohne dass Leistungserbringer die Auswirkungen auf ihren Praxisalltag abschätzen können.


Orientierung am UVG – ein Hinweis auf die Richtung?


Es ist davon auszugehen, dass sich die neue Struktur inhaltlich stark an der bestehenden Ausrichtung des UVG-Tarifvertrags orientieren wird.

Sollte sich diese Erwartung bestätigen, bedeutet das:

  • stärkere Strukturierung und Standardisierung

  • klarere Leistungsdefinitionen

  • aber auch neue Anforderungen an Dokumentation und Prozesse

Was das konkret für den Praxisalltag bedeutet, bleibt jedoch offen.


Wirtschaftliche Realität im Fokus

Unabhängig von der konkreten Ausgestaltung bleibt ein zentraler Punkt bestehen: die wirtschaftliche Situation der Leistungserbringer.

Steigende Kosten, zunehmende Anforderungen und ein anhaltender Fachkräftemangel treffen auf eine Vergütungssituation, die vielerorts bereits heute angespannt ist.


Hinzu kommt ein konkretes Risiko im Zusammenhang mit der neuen Tarifstruktur:

Sollten die Taxpunktwerte nicht gleichzeitig angepasst werden, ist davon auszugehen, dass es zu direkten Umsatzeinbussen kommt – insbesondere bei häufig angewendeten Positionen wie 7311 im Bereich unter 45 Minuten.

Das bedeutet konkret: weniger Umsatz bei gleicher Leistungszeit.


Vor diesem Hintergrund stellen sich zentrale Fragen:

  • Wird die Teuerung ausreichend berücksichtigt?

  • Wie entwickelt sich der Taxpunktwert?

  • Trägt die neue Struktur zur Stabilisierung der Versorgung bei?


Stellungnahme swissODP


swissODP hat die Finalisierung der neuen Tarifstruktur zur Kenntnis genommen, die zwischen den Versicherern und physioswiss ausgehandelt wurde.In Erwartung ihrer Veröffentlichung Mitte Juni 2026 werden derzeit folgende Punkte besonders kritisch betrachtet:


Zu Beginn der Verhandlungen wurde angekündigt, dass die kostenneutral ausgestaltete Tarifstruktur mit einer Erhöhung des Taxpunktwertes einhergehen soll, um den seit Jahrzehnten bestehenden wirtschaftlichen Rückstand des Berufsstandes teilweise auszugleichen.


Nach aktuellem Informationsstand ist jedoch unklar, ob und wann eine entsprechende Anpassung tatsächlich erfolgen wird.


Zudem hatten ausserhalb der Tarifpartner keine Akteure Zugang zu den Daten, die zur Berechnung der Kostenneutralität herangezogen wurden. Gleichzeitig ist bekannt, dass Physioswiss seine Mitglieder wiederholt dazu aufgefordert hat, bestimmte kostenintensive Tarifpositionen zurückhaltend anzuwenden. Beispielsweise wurde argumentiert, dass die Verwendung der Position 7311 häufig in einem „dem Geist der Tarifanwendung widersprechenden Kontext“ erfolge.


Vor diesem Hintergrund stellen sich zentrale Fragen:

  • Welche Datengrundlagen wurden verwendet?

  • Wie realitätsnah bilden diese die Versorgungssituation in den Praxen ab?

  • Und welche Zielsetzung wurde effektiv verfolgt?


Was jetzt entscheidend ist


Auch wenn der Tarifvertrag selbst kaum mehr beeinflussbar ist, gilt das nicht für einen zentralen Hebel: den Taxpunktwert.

Hier besteht Handlungsspielraum.


1. Einfluss auf Taxpunktwerte

Die Festlegung der Taxpunktwerte erfolgt auf kantonaler Ebene.

Das bedeutet konkret:

  • Leistungserbringer können und sollten aktiv auf ihre kantonalen Physiotherapieverbände zugehen

  • Transparenz im Festsetzungsverfahren einfordern

  • und Druck für eine zeitnahe Anpassung aufbauen


2. Politische Realität

Letztlich entscheiden die jeweiligen Kantonsregierungen.

Wer Veränderungen erreichen will, muss genau dort ansetzen:

  • Beziehungen nutzen

  • Argumente liefern

  • und die wirtschaftliche Realität klar aufzeigen


3. Einflussmöglichkeiten – realistisch eingeordnet

Auf den Tarifvertrag selbst besteht aktuell kaum Einfluss.

Auf die Entwicklung der Taxpunktwerte hingegen schon – insbesondere dort, wo tragfähige Beziehungen und ein konstruktiver Dialog mit den kantonalen Entscheidungsträgern bestehen.


Eskalationsszenario als letzter Schritt

swissODP hat von Beginn an klar kommuniziert:

Eine tragfähige Lösung muss als Gesamtpaket funktionieren – bestehend aus Tarifstruktur und Taxpunktwerten.

Sollte dies nicht der Fall sein, wird gemeinsam mit Partnerpraxen geprüft, vom Tarifvertrag zurückzutreten.


Ein vertragsloser Zustand hätte weitreichende Konsequenzen:

  • Abrechnung direkt gegenüber Patient

  • Rückforderung bei den Versicherern durch die Patient

  • erhöhter Druck auf Versicherer und Kantone

Ein solcher Schritt ist kein Ziel – aber ein mögliches Szenario, wenn keine tragfähige Lösung erreicht wird.


Nächste Schritte

swissODP erwartet die schnellstmögliche Veröffentlichung der vorläufigen Tarifstruktur und wird nach Veröffentlichung des neuen Tarifvertrags einen systematischen Vergleich zwischen alter und neuer Tarifstruktur durchführen – basierend auf einer Stichprobe von Partnerpraxen (Datenbasis 2025).

Sollten sich dabei signifikante Abweichungen ergeben, werden entsprechende Schritte geprüft.


Parallel dazu wird die Arbeit an einer sachgerechten Anpassung des Taxpunktwertes konsequent beobachtet und unterstützt.


Fazit

Die Einreichung ist ein Meilenstein.

Die entscheidende Phase beginnt jedoch erst jetzt.

Denn klar ist: Eine Tarifstruktur allein sichert keine Versorgung.


👉 Entscheidend ist, ob sie wirtschaftlich tragfähig ist – und wie sie umgesetzt wird.




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